Frau mit Sternspritzer

Der Jahreswechsel steht vor der Tür und neben Organisationsstress und letzten Besorgungen stehen auch dieses Jahr wieder Neujahrsvorsätze am Tagesplan. Doch warum denken wir bei Neujahr auch immer automatisch an ein neues Ich? Und warum sind Silvester und Neujahr so wichtige Tage in unserem Leben?

Wir haben uns mit Anna Moser und Georg Zerle vom Fachbereich Sozialpsychologie getroffen und über das Phänomen Jahreswechsel gesprochen. Welche psychologischen Hintergründe hinter Neujahrsvorsätzen stecken und wie wir das nächste Jahr positiv und mit erreichbaren Vorsätzen meistern, lest ihr jetzt.

Warum setzen wir uns Neujahrsvorsätze? Was sind die psychologischen Hintergründe? Und wieso sind Neujahrsvorsätze oft so extrem?

Jedem Vorsatz liegt zunächst ein Bedürfnis zugrunde. Zu Neujahr ist das oftmals das Bedürfnis nach Veränderung in unterschiedlichen Bereichen. Daraus entstehen dann eine Motivation sowie eine Vision. Diese sind an Neujahr besonders hoch, da man alten Erinnerungen nachhängt und positiv und chancenreich in die Zukunft blickt. Das ist die beste Voraussetzung für Vision und Motivation. Darauf bauen dann unsere Ziele und Vorsätze auf. Zu Neujahr erreicht man häufig aber nur das Stadium der Vision und ist noch weit entfernt vom konkreten und reflektierten Ziel.

Zusammenfassend also: Zu Neujahr nehmen wir uns Zeit für Reflexion, werden zu Visionär*innen und sind motiviert und voller Energie, uns zu verändern und unsere Ziele zu erreichen. Damit wollen wir unsere Bedürfnisse erfüllen und letztendlich zufrieden werden.

Dies führt zu extremen Vorsätzen, im Sinne des Alles-Oder-Nichts Prinzips. Wir fühlen die Motivation, nehmen uns als extrem selbstwirksam wahr und möchten das Maximum erreichen, weil es sehr attraktiv ist. Scheitern wir bei diesem hoch gesteckten Ziel, geben wir es oftmals sofort auf.

Wieso glauben wir, dass Vorsätze für das neue Jahr leichter einzuhalten sind/ wichtiger sind als solche die wir während dem Jahr treffen?

Hier ist die Zeitperspektive entscheidend. Oftmals denken wir im Sinne der Monate: Jänner als 1. Monat im Jahr, Dezember als letzter Monat im Jahr. Da ist es natürlich viel besser im 1. Monat mit etwas zu beginnen, wenn man dann noch ein ganzes Jahr vor sich hat. Und zu Neujahr passt ein Neubeginn einfach auch sehr gut. Damit steigt gefühlt die Wahrscheinlichkeit, das Ziel zu erreichen. Außerdem habe ich ein Jahr vor mir, das noch nicht durchgeplant ist. Somit habe ich noch sehr viele Gestaltungsfreiheiten und kann entscheiden, wohin ich meinen Fokus lenke.

Welche „Magie“ hat der Jahreswechsel (obwohl sich ja eigentlich nichts ändert)?

Diese Magie hat viel mit Ritualen und Gewohnheiten zu tun – ähnlich wie Weihnachten. Besonders die Medien und unzählige Rückblicke unterstützen die Magie und den Zauber rund um Silvester. Der Jahreswechsel ist eigentlich ein Moment, in dem vor allem soziale Bedürfnisse (Zugehörigkeit, Nähe, Verbunden sein) erfüllt werden sollen. Im Sinne von „Ich starte zusammen mit den Menschen, die mir wichtig sind, in ein neues Abenteuer.“ Natürlich auch ganz nach dem Motto „Vieles ist ungewiss, alles ist möglich!“. In dieser Zeit denken wir weniger rational, sondern träumen mehr und stellen uns Ideale vor.

Damit lässt sich auch erklären, warum der Silvesterabend immer besonders gestaltet werden soll und schon oftmals Wochen zuvor geplant wird. Der Silvesterabend und das Ende des Jahres bietet Raum für Selbstreflexion: Wie war das letzte Jahr? Wünsche ich mir Veränderung? Des Weiteren ist Silvester sehr emotional und man hat die Möglichkeit alte Dinge abzuschließen oder abzuhaken. Dabei schaut kann man optimistisch in die Zukunft schauen und hat neue Energie.

Sind Neujahrsvorsätze immer eine schlechte Idee? Oder hilft der Jahreswechsel manchen Menschen auch dabei Gewohnheiten zu ändern?

Der Jahreswechsel konfrontiert uns mit uns selbst. Das kann sowohl positiv als auch negativ sein. Eventuell kann dabei ein Bedürfnis nach Veränderung entstehen, trotzdem merkt man aber auch wie viel Gutes im letzten Jahr passiert ist. Neujahrsvorsätze sind deshalb schwierig, weil sie uns häufig unter Druck setzen, da sie meist zu hoch und unrealistisch gesetzt sind. Die Vorsätze müssen zur Erreichung auch wirklich das sein, was wir wollen, ansonsten fühlen sie sich an wie Ballast auf unseren Schultern. Unrealistische und unerreichbare Neujahrsvorsätze sind sicherlich eine schlechte Idee, weil sie uns zum Scheitern bringen und Druck erzeugen.

Trotzdem lässt sich diese Zeit ideal zum bewussten Rekapitulieren nutzen. Lebensziele und grundlegende Werte können detailliert durchdacht werden. Woraus dann sinnvolle Vorsätze bzw. mein Fokus fürs neue Jahr kreiert werden. Wenn ich mich bewusst verändern möchte, kann das neue Jahr mir dabei helfen, mit Altem abzuschließen und Neues zu beginnen. Die Magie und Kraft, die das neue Jahr hat, kann dabei als Zündstoff verwendet werden. Vielleicht wäre es auch eine Möglichkeit, bestimmte Lebensbereiche auszuwählen, die man verändern möchte. Dabei sollte man in kleinen Schritten denken.

Wie kann man Neujahrsvorsätze realistischer und somit gesünder gestalten? Welche Schritte kann man befolgen?

  1. Sich auf wenige Vorsätze konzentrieren (Weniger ist Mehr). Dies reicht meist schon um etwas zu verändern, denn kleine Schritte in die richtige Richtung können zu großen Schritten werden.
  2. Nachdenken: Ist es das, was ich wirklich möchte? Bin ich intrinsisch motiviert? Entspricht das meinen Werten und Vorstellungen?
  3. Konkretisieren: Wie erkenne ich bereits kleine Erfolge? Welche genauen Ziele verfolge ich?
  4. Motivatoren einbauen: Wer oder was unterstützt mich dabei?
  5. Puffer miteinbauen: Plan erstellen und vielleicht einen Notfallplan: Mit was bin ich minimal zufrieden?
  6. Nicht so streng zu sich selbst sein: eigene Tiefs akzeptieren und sogar einplanen
  7. Sich selbst kennen: sich nur das zutrauen, was auch möglich ist

Der Jahreswechsel ist oft sehr emotionsgeladen, warum ist das so und wie kann man den Jahreswechsel so gestalten, dass es einem dabei gut geht? (auch wenn man vielleicht alleine ist oder nicht mit den Menschen zusammen ist, die man gerne um sich hätte)

Beim Jahreswechsel finden vermehrt Feiern statt und man hält sich an bestimmte Rituale, dabei fließt auch meist viel Alkohol. Man reflektiert das alte Jahr, sowohl positive, als auch negative Gedanken kommen hoch. Silvester gilt als Highlight und wir freuen uns bereits Tage vorher auf diesen einen besonderen Tag.

Damit der Silvesterabend auch alleine zu einem schönen Tag wird kann man virtuelle Tools nutzen, wie beispielsweise wonder.me und sich so mit anderen virtuell vernetzen oder auch kreative Online Spiele ausprobieren. Der Silvesterabend ist meist komplett durchgeplant, dieses Jahr sieht das etwas anders aus, dabei kann man die Spontanität und die Tatsache, dass man keinen Plan hat einfach genießen und sich überraschen lassen, was der Tag und Abend so bringen. Am Tag des Jahreswechsels sollte man so gut es geht Hektik vermeiden und den Druck rausnehmen, dass genau an diesem Tag/Abend alles perfekt sein muss.

Auch der Neujahrstag ist oft von schlechter Stimmung geprägt (Kater und schlechte Laune weil man so extreme Vorsätze getroffen hat, die einem nun schon nicht mehr zusagen). Wie könnte ein guter Start in das neue Jahr aussehen?

Versuche dich dieses Jahr nicht nur auf den Abend/Nacht zu konzentrieren, sondern auch bewusst den ersten Tag im neuen Jahr zu nutzen und zu genießen. Plane gleich etwas Schönes und werde aktiv! Versuche einen üblen Kater zu vermeiden und verbringe den ersten Tag im Jahr mit deinen Liebsten. Versuche auch gleich die erste Woche konkret zu planen und überlege dir dabei: Was tut mir gut? Was möchte ich gerne machen? Die Magie, von der wir oben gesprochen haben, kann als Motivation und Antreiber genutzt werden, um das neue Jahr auch wirklich positiv zu beginnen.

Vielen Dank Anna Moser und Georg Zerle für das informative und zum Nachdenken anregende Interview.

In diesem Sinne wünschen wir euch einen positiven und erfolgreichen Start ins Jahr 2021!

Eure commUNIty-Redaktion

Photo-Credit:
Titelbild: Carlos via Unsplash

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