Universum in Belinda Pletzer

Frauengehirne sind fünfmal weniger untersucht als Männergehirne – nur ein Fünftel aller neurowissenschaftlichen Studien an Tier oder Mensch beschäftigt sich mit dem weiblichen Gehirn. Der Grund: Frauen sind zu kompliziert, denn ihr Körper (und damit wohl auch ihr Gehirn) unterliegt monatlichen Hormonschwankungen – dem weiblichen Menstruationszyklus. Ob die Wissenschaft da nicht einem gesellschaftlichen Stereotyp aufgesessen ist? Dazu verrate ich euch jetzt mehr!

Die meisten denken, dass der männliche Hormonhaushalt immer konstant ist. Das stimmt aber nicht. Denn das männliche Geschlechtshormon Testosteron schwankt in erheblichem Ausmaß, sowohl tageszeitlich, als auch jahreszeitlich und – wie erst seit kurzer Zeit bekannt ist – sogar monatlich. Männer zyklieren also auch – und zwar täglich, monatlich und jährlich – was soll daran unkompliziert sein?

Der einzige Unterschied ist, dass die männlichen Hormonschwankungen nicht eine große rote Fahne schwenken, sprich durch eine monatliche Blutung darauf aufmerksam machen, wann die Hormonwerte gerade ihren niedrigsten Punkt erreicht haben. Genau das macht sie jedoch für die Wissenschaft schwerer zu erfassen, denn wo soll man denn anfangen zu zählen, wenn ein solcher Anhaltspunkt fehlt?

Arbeitsgruppe Hormon & Gehirn an der Uni Salzburg

Lange Rede, kurzer Sinn: Hormoneinflüsse aufs Gehirn wurden in der Neurowissenschaft lange Zeit ignoriert – bei Männern, weil man dachte, sie hätten keine – bei Frauen, weil man sie erst gar nicht untersucht hat. Das wollen wir ändern! Das erklärte Ziel der Arbeitsgruppe Hormon & Gehirn an der Universität Salzburg ist es, eben jene Hormoneinflüsse auf das Gehirn zu verstehen, die dazu geführt haben, dass Frauengehirne weniger oft untersucht werden. Während sich unsere Forschung in den letzten Jahren um den weiblichen Menstruationszyklus gedreht hat, wenden wir uns nun einem neuen Aufgabenfeld zu: dem Einfluss der Anti-Baby-Pille, auf das Gehirn. Finanziert aus den Mitteln des European Research Councils (ERC) untersuchen wir, was sich im Gehirn verändert, wenn Frauen anfangen oder aufhören, die Pille zu nehmen.

Belinda Pletzer und Team

Wieso die Anti-Baby-Pille das Gehirn beeinflussen könnte

Zunächst einmal eines vorweg: Die Anti-Baby-Pille gibt es nicht. Vielmehr wird unter diesem Begriff eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Präparate mit unterschiedlichen Wirkstoffen zusammengefasst – entsprechend unterschiedlich sind daher die Wirkungen. Gemeinsam haben sie jedoch ein erklärtes Ziel: Den Eisprung unterdrücken und damit eine Empfängnis verhindern.

Und wenn man etwas erreichen will, setzt man am besten gleich in der Chefetage an – so auch die Anti-Baby-Pillen. Sie enthalten synthetische Hormone, die vom Oberboss des Hormonsystems im Gehirn – dem Hypothalamus – genau eines fordern: Halt die Klappe! Etwas wissenschaftlicher ausgedrückt: Anti-Baby-Pillen reduzieren die körpereigene Hormonproduktion, die im natürlichen Menstruationszyklus zum Eisprung führt.

Bisher gibt es kaum Forschung zur Wirkung der Pille auf unser Gehirn

Die Pille gibt es seit fast 60 Jahren und seither wird sie intensiv beforscht. In der wissenschaftlichen Plattform „PubMed“ findet man über 9000 wissenschaftliche Artikel zur Antibaby-Pille. Dennoch sind nur etwa 15 davon zum Gehirn und diese sind wenig aufschlussreich. Das ist auch deshalb sehr erstaunlich, als seit den 60er-Jahren bekannt ist, dass die Einnahme von Anti-Baby-Pillen bei manchen Frauen zu psychischen Nebenwirkungen führen kann, während sie bei anderen Frauen die psychische Gesundheit verbessert. Und da ist noch niemand auf die Idee gekommen, einmal im Gehirn nachzusehen, woran das liegen könnte?

Mitarbeiterin Gehirnforschung

Unsere Forschungsergebnisse zur Pille

Aus unserer Forschung am weiblichen Menstruationsyzklus wissen wir, dass bestimmte Gehirnregionen auf körpereigene Hormone reagieren – sie werden größer oder aktiver wenn bestimmte Hormone da sind und kleiner und inaktiver, wenn diese Hormone wieder verschwinden. Dies zeigt, wie unglaublich plastisch und anpassunsfähig unser Gehirn auch im Erwachsenenalter noch ist. Die betroffenen Regionen sind hauptsächlich solche, in denen es besonders viele Rezeptoren für Hormone gibt. Es gibt also außer dem Hypothalamus noch andere Regionen im Gehirn, die ein Ohr für Hormone haben. Das sind Regionen, die für Gedächtnis und Gesichtserkennung zuständig sind, für Navigation und Sprache, für Emotionen und Sozialverhalten.

Interessanterweise sind genau diese Regionen umso größer, je länger Frauen früher einmal die Pille genommen haben und umso kleiner, je länger Frauen die Pille abgesetzt haben. Aber: auf die Größe allein kommts im Gehirn nicht an. Nicht immer geht die Größe einer Region auch mit besserer Leistung einher. Viel wichtiger ist, wie vernetzt eine Region ist – sprich, wie gut oder schlecht sie mit anderen Teilen im Gehirn kommuniziert. Und genau das untersuchen wir aktuell.

Anti-Baby-Pille nehmen: ja oder nein?

Eine beliebte Frage, die mir immer wieder gestellt wird, ist, ob ich Frauen empfehlen würde, die Pille einzunehmen. Soweit sind wir bei weitem noch nicht. Erst gilt es herauszufinden, ob es Einflüsse auf das Gehirn gibt, wie diese aussehen und wie sie sich zwischen verschiedenen Pillen unterscheiden und wie sich Frauen unterscheiden, die unterschiedlich auf die Pille reagieren. Wie bei allen hormonellen Umstellungen im Leben (Pubertät, Zyklus, Schwangerschaft, Menopause), gibt es Frauen, die sich mit der Pille wohl fühlen und solche bei denen das nicht so ist. Meine Aufgabe als Wissenschaftlerin ist es, Informationen zu sammeln, damit Frauen selbst eine informierte Entscheidung treffen können – denn es ist das Recht jeder Frau, selbst über ihren Körper zu entscheiden!

Eure Belinda

 

Diesen Gastartikel hat DDr. Belinda Pletzer, Gehirnforscherin an der Universität Salzburg verfasst. Für ihre Forschung zur Wirkung der Anti-Baby-Pille auf das Gehirn hat die gebürtige Tirolerin und vierfache Mutter 1,5 Millionen Euro Fördergeld von der EU bekommen.

Teile diesen Beitrag auf Facebook & Co.