Salzburg

Studieren in Salzburg. In der Residenzstadt, der Mozartstadt. Diese wunderschöne Stadt mit seiner Festung Hohensalzburg aus dem 11. Jahrhundert, dem Schloss Hellbrunn mit den Wasserspielen. Dort leben und studieren, wo Wolfgang Amadeus Mozart einst gelebt hat und Jahrhunderte nach seinem Tod diese Stadt immer noch prägt. Dort leben und studieren, wo jährlich die Salzburger Festspiele stattfinden und wo Kultur hoch gefeiert wird, jedoch auch viele Tatsachen bedeckt, ja regelrecht in den Schatten gerückt werden.

Dieser Blogeintrag beschäftigt sich mit den dunklen Sehenswürdigkeiten unserer schönen Stadt, da ich es wichtig finde, dass wir als Salzburger Studierende wissen sollten, dass es neben diesen vielen schönen Kapiteln dieser Stadt auch solche gibt, die man gerne verschönert, oder sie sogar verschweigt.

Eine Staatsbrücke durch Zwangsarbeit

Beginnen wir mit der uns bekannten Staatsbrücke, die erst vor knapp 80 Jahren neuerbaut wurde. In den Jahren 1941-1945 arbeiteten jugoslawische Zwangsarbeiter*innen bzw. Gefangene sowie französische und italienische Kriegsgefangene an dieser Brücke, da es in Salzburg an Arbeitskräften mangelte. Allen Bevölkerungsgruppen fehlte es an Versorgung und einer warmen, trockenen Unterkunft. Bei Fliegeralarm durften sie auch nicht in die Schutzbunker, sondern mussten sich selbst verstecken. Im Jahr 1944 war es außerdem ihre Aufgabe, Bomben zu entschärfen, die Salzburg trafen. Bei diesen Bemühungen starb jedoch ein Großteil.
1949 wurde die neue Brücke eröffnet und hochgelobt, doch erst 2007 schaffte man es, den Arbeitern, die in den Kriegsjahren ihren Schweiß und oft auch ihr Leben gaben, Aufmerksamkeit zu schenken und diese zu erwähnen. Seither gibt es eine Tafel an der Seite der Linzergasse, die den Arbeitern gedenkt.

Dort wo heute die Pferde stehen

Kommen wir weiter Richtung Altstadt. Dort, wo im Sommer die Pferdekutschen stehen und darauf warten, Tourist*innen durch die Mozartstadt zu kutschieren, gibt es gegenüber dem großen Barockbrunnen eine kleine, ganz kleine Tafel, getarnt in ähnlicher Farbe der Hauswand, die kaum auffällt. Diese Tafel gedenkt der Bücherverbrennung, welche die Nationalsozialisten am 30. April 1938 abhielten. Rund 1.200 Bücher, die auf der Verbotsliste standen, darunter Bücher von Stefan Zweig oder Berthold Brecht, fielen an diesem Abend dem Feuer zum Opfer. Bücher von 48 Autoren, die durch die „Aktion wider den undeutschen Geist“ verloren gingen. Viele von den verbotenen Autoren mussten nach dieser Aktion für ihre Worte zudem ihr Leben lassen.
Mit sogenannten „Flammensprüchen“ wurden die Menschen dazu angespornt die Bücher den Flammen zu übergeben.

Unrecht hatte Berthold Brecht mit seinen Worten leider nicht.
„Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“
Die Tafel, die seit 2008 auf dem Residenzplatz zu „sehen“ ist, hat zu vielen Debatten geführt.
Man könne doch so ein schreckliches Ereignis nicht außer Acht lassen.
Undenkbar zudem auf so ein Thema auf dem Residenzplatz, dort wo Mitteleuropas größter Barockbrunnen steht, aufmerksam zu machen.

2018 hatten die Debatten dann ein Ende. Die Folge war, dass man genau 80 Jahre nach der Bücherverbrennung am Residenzplatz ein neues und zudem größeres Denkmal enthüllte. Dabei handelt es sich um ein etwa halbes Meter hohes, graues Denkmal, das aussieht wie eine Sitzgelegenheit und das viele Tourist*innen auch als solches benutzen. Wenn man dann sitzt und dem Residenzbrunnen den Rücken kehrt, sieht man einen Meter tiefer unten ein Skelett eines Buches, das an das Ereignis damals erinnern soll. Vorausgesetzt man blickt nach unten, was in unserer Mozartstadt schwierig ist, da die meisten in der Regel all jene Bauwerke bestaunen, die eher oberhalb des Erdbodens angebracht wurden.

Mozart im Mittelpunkt

Nur einen Platz weiter, der Platz mit der großen Mozartstatue in der Mitte, gibt es wieder eine kleine Tafel. Die „Herzl Gedenktafel“. Theodor Herzl war der geistige Vater des Zionismus und des Staates Israel. Einige Zeit seines Lebens lebte er in Salzburg und dafür sind die Salzburger stolz. Immerhin sagte Herzl im Sommer 1885: „In Salzburg bracht ich einige der glücklichsten Stunden zu“.
Der Rest wurde weggelassen, und erst handschriftlich von zwei Studenten im Nachhinein hinzugefügt.
„Ich wäre auch gerne in dieser schönen Stadt geblieben, aber als Jude wäre ich nie zur Stellung eines Richters befördert worden. Deshalb nahm ich damals von Salzburg und der Rechtsgelehrsamkeit Abschied.“
Die zwei Studenten bekamen eine Anzeige wegen schwerer Sachbeschädigung. Nachdem diese Tat aber auch zu vielen Debatten geführt hatte, blieb eine Reaktion nicht aus. Man ergänzte die Tafel, siedelte sie jedoch gleichzeitig auch um. Befand sie sich zuerst noch an der neuen Residenz, ohne dem vollständigen Zitat, befindet sie sich heute am Mozartplatz, zu Mozarts rechten Seite.

Weitere „kleine“ Machenschaften in Salzburg

Das Franziskaner Kloster, das im 16. Jahrhundert aufgrund des Kampfes gegen den Protestantismus von den Franziskanern bezogen wurde, war ab Herbst 1938 Schauplatz von Folter, Pein und Tod. Nach dem Anschluss zwang man dann die Mönche des Klosters, dieses zu verlassen. Anstatt dessen errichteten die Nationalsozialisten einen Folterkeller und Todeszellen. Diese Machenschaften kostete hunderten Salzburger*innen das Leben.

Wie schrecklich es in den Konzentrationslagern zuging, haben wir wohl alle in der Schule gelernt. Doch den wenigen ist bewusst, dass ein Konzentrationslager nicht nur aus einem Standort bestand. Dachau zum Beispiel hatte 140 Außenlager bzw. -kommandos. Diese waren zwar kleiner und prinzipiell nicht auf Vernichtung aus, doch gute Lebensumstände herrschten dort trotzdem nicht. Eines seiner Außenkommandos lag nur einen Platz neben unserem schönen Christkindlmarkt im Winter. Der Platz, wo die goldene Kugel und der Mann darauf die Kulisse der Stadt verschönert.
Genau dort waren Häftlinge für kürzere Zeit inhaftiert worden, ausgehend von Dachau. Vielleicht denkt man das nächste Mal daran, wenn man auf dem Platz steht und bei einer Partie Schach verliert, dass hier Menschen auch ihr Leben verloren haben.

Ein weiteres Lager, das Lager Glasenbach, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg für verdächtige Angehörige der NSDAP, SS & SA sowie Kriegsverbrecher und Massenmörder benutzt. Von den Amerikanern verwaltet, lebten die ca. 20.000 Gefangenen dort in 20 bis 30 Baracken.
Nachdem das Lager aber im Jänner 1948 aufgelöst worden war, wurden wichtige Hinweise, die die Häftlinge hätten belasten können, vernichtet. Diese Beweise wurden nicht benutzt, damit man den Karrieren nach dem Krieg nicht im Wege stand.
Unter ihnen Franz Stangl, ein KZ-Kommandant, der in Treblinka und Sobibor für den Tod von ca. 1 Millionen Menschen verantwortlich war.

Salzburg und seine Erinnerungskultur?

Wer schon einmal in Klessheim war, hat sicher das Schloss Klessheim mit seiner Gartenanlage bewundert. Dieses Schloss war vor 80 Jahren das „Gästehaus“ des Führers, in dem er mit anderen Staatschefs an der Idee eines „antibolschewistischen“ Europas arbeitete.
Wer das Schloss noch nie aus der Nähe betrachtet hat, sollte dies unbedingt nachholen. Denn wo sieht man ansonsten noch erhaltene Werke und Bauten aus dem Nazi-Reich?
Der Adler, den Jakob Adelhart im Jahr 1942 erschaffen hat, thront heute noch auf dem Haupttor. Anstatt dem Hakenkreuz hatte er jedoch lieber eine Kugel genommen, was damals zwar für Aufregung sorgte, heute aber keinen Kommentar findet.

Es gibt noch so viele andere Schauplätze, die es zu erwähnen gäbe. Früher hätte man gesagt: Doch dafür würde das Papier nicht reichen. Denke man nur an all die Stolpersteine, die unsere Wege kreuzen – und das jeden Tag – denen die meisten aber viel zu wenig Beachtung schenken. Obwohl die Zeit der Aufarbeitung schon vor langem begonnen hat, ist sie vielerorts noch nicht zu Ende. Noch nicht einmal in unserer Mozartstadt.

Eure Fabienne

Fabienne

Fabienne kommt zwar vom Land, doch im Herzen war sie schon immer eine echte “Stodtlarin“. Wenn sie gerade in kein Buch vertieft ist, schreibt sie entweder gerade etwas Neues auf ihrem Laptop oder sie spaziert durch Salzburg und genießt den Stadt-Flair!

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