Im Sommersemester 2015 begab ich mich im Rahmen meines Studiums der Kommunikationswissenschaft für sechs Monate in die aufregende Welt des Orients: ein Auslandssemester in Istanbul. Eine unvergessliche Zeit sollte auf mich warten, zwischen Moscheen, Kebap und wilden Erasmus-Partys. Hier erzähle ich euch von meinen persönlichen Eindrücken, den positiven und den negativen Seiten. Im vierten Teil meiner Auslandsreihe berichte ich euch vom Fastenmonat Ramadan.

Ich habe Durst. Ich habe Hunger. Neben einem eingeschweißten Brötchen steht eine volle Wasserflasche bereits vor mir. Anrühren darf ich trotzdem nichts. Noch 40 Minuten. Meinen Freund*innen geht es ähnlich. Der Grund ist der für Muslime heilige Fastenmonat Ramadan (im Türkischen jedoch ‚Ramazan‘), den auch ich nun während meines Auslandssemesters noch miterlebe. Aber nein, fasten tue ich nicht. Ich hatte nur für drei Stunden keinen Schluck Wasser getrunken und nehme nun mit meinen Freund*innen an einem öffentlichen Iftar, dem ersten Mahl nach Sonnenuntergang, teil. Über mehrere Straßen des Ortsteils Üsküdar sind lange Tafeln aufgebaut und hunderte Menschen setzen sich gemeinsam an die Tische. Obwohl ich nicht einmal faste, kann ich es trotzdem kaum erwarten, nach diesem heißen Tag endlich die Wasserflasche zu öffnen.

Das islamische Fasten

Fasten im Islam bedeutet, dass Gläubige von Sonnenaufgang bis -untergang keine Nahrung zu sich nehmen dürfen und auch auf sonstige Genüsse wie das Rauchen oder Geschlechtsverkehr verzichten müssen. Damit soll unter anderem das Bewusstsein für die alltäglichen Annehmlichkeiten und das Mitgefühl für die Armen der Gesellschaft gestärkt werden. Außerdem soll dieser Verzicht die Muslime und Muslimas näher zu Allah bringen. Im Jahr 2015 fiel der Ramadan auf die Zeit zwischen dem 18. Juni und dem 17. Juli. Jedes Jahr verschiebt sich dieser Fastenmonat wegen der Differenz zum islamischen Mondkalender um elf Tage nach vorne. Somit müssen gläubige Muslime und Muslimas also nicht immer nur im Sommer fasten. 2015 aber und auch die kommenden Jahre wird in der Türkei genau um den längsten Tag des Jahres herum gefastet. Am Fastenmonat teilnehmen muss jede*r Muslim*a ab der Pubertät, soweit er oder sie geistig und körperlich dazu in der Lage ist und keinen Schaden davontragen kann. Kinder, Kranke, Schwangere und Stillende sind deshalb vom Fasten ausgenommen, übrigens auch Frauen während der Zeit ihrer Periode (Stichwort Reinheit).

Fastenbrechen – Zusammen essen, zusammen feiern

Während die Menschen tagsüber Verzicht üben, schlemmen sie nachts umso mehr. Zur Zeit des Ramadans ist es üblich, viel zu kochen und gemeinsam zu essen. Für das tägliche Fastenbrechen zum Sonnenuntergang baut man Zelte auf und sperrt sogar die Straßen, damit die Menschen aus der Umgebung zusammenkommen und gemeinsam essen können. Heute nehme ich schon zum zweiten Mal an einem solchen öffentlichen Iftar teil. Es ist für mich als Nicht-Muslima sehr spannend, den Zeitpunkt des Essens abzuwarten und schließlich die Gebete zu hören. Für mich ist es eine einzigartig schöne Atmosphäre, wenn Freund*innen und Fremde das von Firmenspenden finanzierte Essen teilen. Und hungrig bleibt hier niemand: Nach der traditionellen Dattel, mit der das Fastenbrechen beginnt, folgen oft Suppe und reichlich Reis mit Rind- oder Hühnerfleisch. Obwohl ich an diesem Tag wenig verzichtet habe, fühle ich mich zwischen den Reihen aus Plastiktischen und -stühlen als Teil der Gemeinschaft.

Was du als Tourist*in beim Ramadan beachten solltest

Fällt dein nächster Türkei-Urlaub ausgerechnet auf den Ramadan, musst du dich nicht gleich zum Mitfasten gezwungen fühlen. Vielmehr solltest du den Fastenden einfach respektvoll begegnen. Dazu gehört es, in der Öffentlichkeit nicht allzu auffällig zu essen oder zu trinken. Den Fastenden etwas zu essen oder zu trinken anzubieten, sollte ebenfalls vermieden werden. Zudem empfiehlt es sich, mit dem oder der Liebsten vor den Augen anderer nicht zu zärtlich zu werden. Willst du besonders rücksichtsvoll sein, achtest du darüber hinaus darauf, in den letzten Minuten vor dem abendlichen Iftar nichts in der Öffentlichkeit zu essen. In Istanbul selbst brauchst du dir aber sowieso keine allzu großen Gedanken zu machen. Die Bewohner*innen beliebter Stadtteile sind an Tourist*innen gewöhnt und drücken bei Unwissenheit auch gerne mal ein Auge zu. Vergebung ist im Ramadan nämlich auch sehr wichtig. 😉

Was ich noch so in Istanbul erlebt habe? Im fünften Teil meiner Auslandsreise berichte ich vom wilden Nachtleben der Millionenmetropole. Bleibt gespannt. Falls ihr übrigens noch mehr zu meiner Zeit in Istanbul wissen möchtet – hier geht’s zu Teil 1, 2 und 3 meiner Beitragsreihe.

Eure Ina

Ina

Ina sollte sich eigentlich auf ihre Masterarbeit konzentrieren, widmet sich aber zur Zeit viel lieber anderen Dingen: Sie erkundet die Welt leidenschaftlich gerne mit ihrer Kamera, macht Radio, gestaltet das Unileben mit der StV KoWi ein bisschen bunter und schreibt für diesen Blog, wenn sie nicht gerade feministische Bücher liest.

PS: Infos zum Studieren im Ausland findet ihr auf der Homepage des International Office der Universität Salzburg.

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