Sagenfigur in der alten Residenz

Wenn Tourist*innen zu ihren Bussen zurückkehren, die Festung in weißem Licht erstrahlt und bekannte Lokale ihre Pforten öffnen, dann wird es Abend in Salzburg. Je später die Stunde, desto mehr verwandelt sich die Stadt zu einem Schauplatz für unzählige Nachtschwärmer. Doch es geht auch anders, wie uns Reinhard Likar (Künstlername KAI) zeigt. Für den Geschichtenerzähler formt sich Salzburg bei Nacht zu einer Bühne für seine Erzählungen rund um finstere Kreaturen und Sagengestalten. Wenn ihr euch wie ich für spannende Geschichten begeistern könnt, dann wird euch das folgende Thema interessieren.

Bereits bei Tag überzeugt Salzburg mit traumhaft schönen Bergpanoramen und historischen Gebäuden, wohin das Auge reicht. Doch auch abends hat die Stadt ihren Reiz. Besonders, wenn die Nacht hereinbricht und die Schatten zwischen den Straßenlaternen länger und dunkler werden. Denn nun zeigt sich die geheimnisvolle Stimmung dieser Stadt. Herrscht nicht gerade Weihnachtszeit, findet man in der Innenstadt zu späterer Stunde oftmals verlassene Plätze vor. Dunkle Gassen und schwere Glockenschläge sorgen für die ideale Atmosphäre, um Sagen, Mythen und Märchen aufleben zu lassen. Eine Aufgabe, der sich seit einiger Zeit Geschichtenerzähler KAI widmet.

„Es war einmal…“ – dieses Satzsegment ist wohl jedem von uns nur allzu gut bekannt. Denn es ruft Bilder von Prinzen in Gestalt eines Frosches oder schlafenden Schönheiten in einem Glassarg in einem wach. Ein Phänomen, das mich schon immer fasziniert hat und für mich Grund genug war, an einer Sagentour von KAI teilzunehmen.

Sagengestalten, Mythen und Legenden – der Ghost Walk durch Salzburgs Altstadt

November, 20:00 Uhr. Treffpunkt für den Beginn der Sagentour ist der Residenzplatz (direkt vor dem Heimatwerk). Dort erwartete uns auch schon KAI in voller Montur: Dreispitz am Kopf, ein edler Gehstock mit Goldknauf und ein schwarzer Mantel, der bei jedem seiner Schritte erhaben mitschwang.

„Ghostwalk“ – ein Sagenspaziergang durch Salzburg: Arkadengang mit Vorplatz vor dem „Heimatwerk“ in der Salzburger Altstadt – der Treffpunkt des Sagenspaziergangs.

Kaum war die Gruppe komplett, ging es auch schon zur ersten Station des Ghost Walks. Im Südtrakt der Neuen Residenz blickten wir auf ein fürsterzbischöfliches Wappen, während uns von jagdwütigen Kardinälen und Erzbischöfen erzählt wurde. Die meisten Figuren, der uns erzählten Geschichten fanden ein eher tragisches oder gar blutiges Ende. Wer von euch bei diesem Sagenspaziergang also ein glückliches Märchenende erwartet, wird leider enttäuscht werden. Denn von „…und sie lebten für immer glücklich und zufrieden…“ ist hier nun wirklich nicht die Rede!

Faszinierend war auch, wie es KAI schaffte, uns mit nur wenigen Worten blitzschnell in seinen Bann zu ziehen. Wir hingen nur so an seinen Lippen und fieberten aufgrund der Spannung mit jeder einzelnen Erzählfigur mit – gleich einem Kind, das mit angehaltenem Atem dem Ausgang eines Märchens lauscht. Wir hörten von mordlustigen Raubrittern auf Brautschau, Gold das einen ins Verderben stürzen konnte, flüchtenden Zauberern, Riesenschlangen und scheinbar unsterblichen Wunderdoktoren.

Unser Weg führte uns im Laufe des Abends zu vielen weiteren interessanten Plätzen. Darunter auch die Gold- und Getreidegasse. Angenehm ist, dass die Distanzen zwischen den einzelnen Stationen sowohl kurz als auch barrierefrei sind. Die geplante Dauer von 90 Minuten verstrich wie im Flug. Bei einer solchen Fülle an phantastischen Inhalten auch kein Wunder, wie ich finde.

KAI – die Person hinter dem Ghost Walk im persönlichen Gespräch

Ich habe nun mehrmals von KAI dem Geschichtenerzähler gesprochen. Da stellt sich nun doch die Frage, wer sich hinter dieser kostümierten Person eigentlich verbirgt. Wie wird man überhaupt zum Geschichtenerzähler? Um diese Fragen zu beantworten, habe ich den gebürtigen Grazer, der seit beinahe 18 Jahren in Salzburg lebt, zu einem Interview gebeten.

Geschichtenerzähler Reinhard Likar im Interview

Wie bist du zum Geschichtenerzählen gekommen?

Übers Zuhören.

Als ich in Graz aufgewachsen bin, habe ich dort zwei Storytelling-Festivals von Anfang an miterlebt – unter anderem das große internationale „Tegetthoff“, das heute noch veranstaltet wird. Dorthin kamen unglaublich tolle Leute aus der ganzen Welt und ein ganz großer Schwerpunkt lag dort, neben dem Figurentheater und der Clownerie, auf dem freien Erzählen. Ich war absolut begeistert!

Parallel dazu gab es dann noch ein zweites Festival, das von einem steirischen Erzähler organisiert wurde. Dort lernte ich die heimische Szene richtig kennen und habe das Zuhören bei den Geschichten wahnsinnig schön gefunden, weil es auch oft vom Inhaltlichen her Material gewesen ist, das ich schon als Leser geliebt habe.

Schon wie ich in Graz „Jus“ studiert habe, hatte ich immer schon einen gewissen Hang dafür, auch nebenbei etwas Kreatives zu machen wie Singen, Jonglieren oder Theaterspielen. Im späteren Berufsleben als Jurist war dann klar: in einem Ensemble zu sein und regelmäßig zu den Theaterproben zu kommen war chancenlos, weil es einfach praktisch nicht machbar war. Trotzdem wollte ich irgendetwas daneben machen. So folgte Kabarett, Alleinunterhaltung und klarerweise das Erzählen und da bin ich dann zum ersten Mal auf die Idee gekommen das Erzählen auszuprobieren.

Was mir immer so gut daran gefallen hat war, dass ich vorher nie überlegt habe, selbst Geschichten zu erzählen. Dann hat es mich gepackt und ich fand es plötzlich ganz spannend es auszuprobieren. Und weil ich zu dieser Zeit ca. 20-25 Stunden gearbeitet habe, war auch die Zeit dafür da. Am Ende habe ich dann durch den Spaß, den es mir gemacht hat, gemerkt, dass mir das Erzählen total entspricht.

Fratzenhafter Türklopfer aus Metall auf dunklem Hintergrund.

Von den inhaltlichen Stoffen her habe ich mit Heldensagen wie der Nibelungensage begonnen und bekam dann die Gelegenheit, eine laufende Serie in einem Grazer Kaffeehaus zu machen – ungefähr alle 6 Wochen. Das bedeutete, ich musste nun ca. 5-8 neue Programme in einem Jahr aus dem Boden stampfen, was ein großer Aufwand war. Aber es hat sich letztlich auch wirklich gelohnt, da es eine super Chance war vor Publikum aufzutreten und um mir ein sehr großes Repertoire zu erarbeiten.

Als nun mein befristeter Vertrag an der Uni endete, wurde ich vor die Entscheidung gestellt – sollte ich mich auf die Suche nach einem neuen Job machen oder beginnen als selbstständiger Erzähler zu operieren? Ich entschied mich für letzteres. In dieser Zeit habe ich dann auch begonnen an Schulen zu erzählen und nach einem Jahr ist das Ganze dann wie am Schnürchen gelaufen. Das war wohl einfach eine glückliche Fügung. Heute würde es wahrscheinlich in der Form nicht mehr funktionieren.

Was fasziniert dich so am Geschichtenerzählen?

Ein Grund ist – ich liebe natürlich die Geschichten, die ich auswähle und das Erzählen an sich.

Dann bin ich auch ein begeistertet Zuhörer und merke immer wieder bei der Arbeit, dass ich mich auch als solcher an die Themen annähere. Ich liebe ebenfalls dieses Unmittelbare. Es ist letztlich eine ganz persönliche Beziehung zwischen mir und meinem Publikum vorhanden. Vor allem wenn es eine kleinere Gruppe ist. 

Was ich an der Art des Erzählens schätze, ist, wenn die Person als die Person da draußen ist und nicht als Kunstfigur. Das gibt’s im Kabarett ganz oft, wo dann überhöhte Figuren auf der Bühne stehen. Im Theater ist das ein Stilmittel, das es natürlich auch in der Erzählszene gibt, doch mir persönlich ist es anders lieber. Besonders spannend finde ich es immer dann, wenn jemand etwas mitteilt, das die Person auch selber interessiert, weil das sehr in den Geschichtenprozess einfließen kann.

Woher hattest du die Idee für dein Kostüm? Ist das die universelle „Tracht“ in deinem Berufsfeld?

Im Gegensatz zu den Nachtwächtern, die ja tatsächlich ein historisch nachempfundenes Gewand tragen, ist meines einfach nur historisierend. Es gibt daran nicht wirklich etwas, um es einer bestimmten Epoche, etc. zuordnen zu können. Ich glaube, dass es besonders bei diesen Gruselgeschichten im Dunkeln einen sehr großen Unterschied macht, ob ich dort in Zivil auftrete oder doch in irgendeiner Gewandung, die zum allgemeinen Ambiente und zum Thema passt.

Kirchturm von St. Peter

Was muss man in deinem Beruf besonders beachten?

Zuallererst ist der Blickkontakt sehr wichtig. Ich merke das immer, wenn ich in Schulen unterwegs bin. Dort werden natürlich immer schon die Schulreihen dafür vorbereitet, doch wenn ich dann ankomme, rücken wir oft nochmal alles um, weil ich weiß, dass die hinteren Schüler bei diesem klassischen Reihensystem meistens nichts mehr sehen. Das will ich eben nicht, da ich auch die Reaktionen der einzelnen Zuhörer mitkriegen muss. Natürlich bekomme ich dann auch mal mit, wenn jemand einschläft, aber eben auch wenn die Person lacht oder begeistert ist. Diesen unmittelbaren Kontakt, den man aufbauen muss, finde ich wahnsinnig schön.

Bei bestimmten Knackpunkten, wenn es zum Beispiel mal ganz besonders spannend oder vor allem wenn es witzig sein soll, ist es wichtig, dass eine Formulierung funktionieren muss. Man kennt das: ein Witz, bei dem die Pointe nicht kommt oder der schlecht erzählt wird, ist dann letztendlich nichts wert, weil in dem Fall einfach nichts im Zuhörer passiert. Bei spannenden oder gruseligen Geschichten ist es daher einfach notwendig, dass man sich ein bisschen in den Text hineinarbeitet.

Lernst du die Texte auswendig oder improvisiert du bei deinen Auftritten?

Nein, ich könnte das ganze gar nicht auswendig lernen. Ich habe natürlich schon in irgendeiner Form eine vorgegebene Geschichte, die sich teilweise aus mündlicher Tradition speist (ursprünglich waren ja die meisten Märchen und Sagen so überliefert worden), wo aber auch manchmal wahre Geschichten oder irgendwelche Biografien einfließen. Der Stoff, den ich mir dann einpräge, ist also schon klar umrissen, weil ich logischerweise einfach wissen muss, was als nächstes passiert. 

Wenn ich eine Geschichte erzähle, die ich bereits öfters gemacht habe, weiß ich grundsätzlich schon automatisch, welche Worte ich wähle, aber letztlich ist das dann wie in einem Gespräch – es passiert einfach. Was man hier als Teil des Publikums oft nicht so mitkriegt, ist, dass die Personen, die zuhören, wirklich viel zu der Geschichte beitragen und durch ihre Reaktionen wahnsinnig viel Einfluss darauf haben. Beispielsweise ist es bei der Rededauer so, da wird dies manchmal total spürbar. Bei einer Gruppe brauche ich vielleicht 60 Minuten, weil da nichts von ihnen zurückkommt, bei einer anderen wiederum können es auch 120 Minuten werden.

Was sind deiner Meinung nach die markantesten Unterschiede zwischen erwachsenem und jungem Publikum?

Ganz offensichtlich einmal die unterschiedliche Themenauswahl. Hier darf ich das junge Publikum quasi ein wenig überfordern mit den Themen, doch was man hier nie tun darf, ist, es zu UNTERfordern. Wenn sich junge Leute unterfordert fühlen, sind sie meistens sofort geistig weg oder woanders, nur nicht bei meiner Geschichte und das wäre fatal! Erwachsene sind oft höflicher in ihren Reaktionen, um nicht zu sagen „reservierter“. Im Gegensatz dazu kommen beim jungen Publikum die Reaktionen einfach viel direkter und das auf jegliche Art und Weise.

Manchmal ist es schwieriger, Erwachsene in die Geschichte hineinzuziehen, doch das beschränkt sich nicht nur auf diese Alterssparte. Es gibt auch kulturelle oder regionale Unterschiede, was ich sehr spannend finde. Wenn man das nicht bedenkt, kann es für einen persönlich sehr schwierig werden. Ich habe sowas mal in Tirol erlebt. Da hatte ich ein extrem trockenes Publikum, wo einfach gar nichts von ihrer Seite zurückgekommen ist und wo ich dann im Nachhinein die Information bekommen habe, dass ihr gepflegtes Applaudieren ungefähr damit gleichzusetzen wäre, als ob die Leute woanders jubelnd auf den Tischen stünden. Da kann es also zwischen den Bundesländern, Stadt/Landgebiete, usw. krasse Unterschiede geben. Was mich hier auch ganz stark beeinflusst, ist, wenn die Personen eine andere Muttersprache haben. In dem Fall sind sie oft so konzentriert darauf mich zu verstehen, sodass für mich ihre Reaktionen auf den Inhalt der Geschichte nicht sofort sichtbar sind. Das schneidet mich dann total ab, weil ich einfach auf dieses Wechselspiel angewiesen bin. So eine Situation ist absolutes Gift für mich.

Gibt es eine Lieblingssage oder ein Lieblingsmärchen, das du besonders gern erzählst oder selbst sehr magst?

Ich merk‘ immer wieder, dass die Wurzeln bei mir fortwährend zu der Nibelungensage zurückführen. Ein, zu Beginn noch, ferner Traum war ja immer schon, dass ich sie mal erzählen werde, doch mit den 6 Stunden Inhalt war es da noch überhaupt kein Thema dies wirklich zu machen. Als Ziel war es jedoch schon da. Heldensagen haben mich auch immer sehr begeistert, wo die Nibelungensage ebenfalls im Mittelpunkt steht.

Im Prinzip sind aber alle Geschichten, die ich erzähle, „Lieblingsgeschichten“ von mir, weil ich sie mir ja auch selber aussuchen kann und ich an keine strikte Vorgabe gebunden bin. Dieses selbstständige Arbeiten ist hier wirklich ein riesiges Privileg.

Wieso hast du dich dazu entschlossen von Graz nach Salzburg zu ziehen? Hast du hier einen Lieblingsort, zu dem es dich immer wieder hinzieht?

Meine Frau hat einen Job an der Salzburger Uni bekommen (sie ist auch Juristin) und da es hier genau ihr Forschungsgebiet war, wäre es schade gewesen das Angebot nicht anzunehmen. Ich selbst habe es hier auch gleich total geliebt – Salzburg „daugt“ mir auch nach wie vor irrsinnig.

Verschnörkeltes Metallgitter mit einem Schloss im Zentrum

Generell habe ich nicht wirklich ein einziges Lieblingsplätzchen. Ich liebe die Altstadt und diesen unfassbar schönen Blick von der Eisenbahnbrücke aus auf das Panorama, wenn man über den Fluss fährt. Auch der Blick von der Salzach hin zur Altstadt packt mich jedes Mal aufs Neue. 

Was ich vom Wechsel von Graz nach Salzburg bemerkt hab, war, dass sich die beiden Städte sehr ähnlich sind. Es gibt einen Fluss, es gibt Berge, die ganz nah erscheinen, es gibt eine historische Altstadt, die bei beiden ein ganz spezielles Aussehen hat und es gibt sehr viel Grünflächen. Salzburg ist zwar nur halb so groß wie Graz, aber es ist ihm vom Charakter her ganz ähnlich. Das hat mir besonders zu Beginn extrem gut getan.

Momentan machst du gerade eine Pause von deinen Sagenspaziergängen in Salzburg. Wann geht es denn wieder los?

Ich wollte eigentlich bereits im Winter etwas machen, doch ich fand die Kälte dann einfach so grimmig, dass ich es letztlich gelassen habe. Darüber bin ich jetzt eigentlich ganz froh, weil die Kälte beim Erzählen und Zuhören einfach furchtbar ist. 

Mit den Sagenspaziergängen geht’s dann voraussichtlich wieder im Frühjahr los, wenn es dann nicht mehr so bitterkalt ist – ungefähr Anfang März. Dann möchte ich versuchen die Samstage ganzjährig soweit wie möglich zu nutzen, weil ich dann unter der Woche in den Schulen unterwegs sein kann und an den Samstagen fast immer Zeit haben werde.

Zu meinen nächsten Projekten wird im neuen Jahr auch zählen, dass ich eine zweite Route durch die Altstadt anbieten werde. Ich möchte unbedingt auf den Nonnberg rauf und dort einen Sagenspaziergang veranstalten.

Im Frühjahr möchte ich für den Ghost Walk auf jeden Fall eine eigene Website gestalten, wo dann alle Beginnzeiten, usw. sichtbar sein werden, weil es zum Glück doch ziemlichen Anklang bei den Leuten gefunden hat. Auch werde ich in nächster Zeit auf meiner Homepage ein paar Unterseiten hinzufügen mit Informationen darüber.

Wieso glaubst du, haben Menschen schon immer so etwas wie Sagen und Mythen in ihrem Alltag gebraucht?

Ich glaube mit Sagen haben wir einfach immer schon gewisse Lücken gefüllt, weil wir Dinge nicht wussten oder erklären konnten. Man hatte natürlich auch die historische Geschichtsschreibung, doch irgendwo gab es dann doch eine weiße Stelle und solche Ungewissheiten mag der Mensch überhaupt nicht. Hier wurde dann eine Erklärung gesucht bzw. erfunden.

Abendhimmel mit Mond

Heute würden wir vielleicht auf wissenschaftlichem Weg eine Antwort ermitteln, doch früher war es bedeutend einfacher diese bei Dämonen, Engeln oder bei Gott zu suchen.

Eine zweite Theorie ist, dass wir dadurch versuchen, Dinge, die uns schlicht und ergreifend nicht gefallen, anders zu deuten oder zu interpretieren. Zum Beispiel gab es kurz nach Michael Jacksons Tod massenhaft Verschwörungstheorien, etc. – das sind halt die „Sagen“ unserer heutigen Zeit.

Denkst du, dass trotz der zunehmenden Digitalisierung das Geschichtenerzählen in dieser Form weiterhin einen Platz in der Gesellschaft haben wird?

Ja, denke ich schon. Was mir vermehrt an den Schulen auffällt, ist, dass die 13- bis 14-Jährigen, mit denen ich dort zu tun habe, zwar total begeistert sind von Computerspielen, etc. (wäre ich wahrscheinlich auch gewesen, wenn ich so etwas als Kind gehabt hätte), doch das Erzählen funktioniert wie eh und je. Vielleicht weil es durch seine elementare und reduzierte Art auch genau das Gegenteil zum heutigen High-Tech-Zeitalter darstellt. Natürlich muss es eine spannende Geschichte sein, auf die sie sich einlassen können.

Ich glaube, dass es trotz allem, das heute erfunden wird, Bedürfnisse in den Menschen gibt, die so elementar sind, dass sie durch keine Technologie alleine befriedigt werden können. Zum Beispiel ist eine in der Mikrowelle aufgewärmte Mahlzeit nichts gegen ein frisch gekochtes Essen. Dasselbe Prinzip gilt auch hier beim Geschichtenerzählen.

Abschließend würde ich gerne wissen, was du einer Person mit auf den Weg geben würdest, die ebenfalls Geschichtenerzähler*in werden will?

Es ist zwar total enttäuschend, aber das erste was der- oder diejenige unbedingt braucht, ist die Fähigkeit ein Unternehmen aufbauen zu können. Das finde ich wirklich furchtbar, weil es einfach gar nichts mit der künstlerischen Seite des Berufes zu tun hat, aber es ist so. Zuerst muss man irgendwie das ganze Management auf die Reihe kriegen und dann kommt irgendwann einmal das Inhaltliche dran.

Damit kämpfen vor allem die Künstler und Künstlerinnen, weil diese beiden Eigenschaften – das Künstlerische und das Organisatorische – nicht wirklich gut zusammenpassen, doch solange man dies nicht im Griff hat (mit Kostenrechnung, Steuererklärungen und allem Drum-und-Dran), wird das Programm auch nicht laufen können, weil man nicht aus heiterem Himmel von jemanden „entdeckt“ wird und einem dann die Welt zu Füßen liegt.

Es ist natürlich logisch, dass der- oder diejenige sich für die Themen interessieren und sich dafür begeistern muss.

Wen von euch nun die Lust am Geschichtenlauschen gepackt hat, der kann es mir im kommenden Frühjahr gleichtun, wenn KAI wieder zu seinem „sagen-haften“ Rundgang durch die Salzburger Innenstadt einlädt und abermals Geschichten aus seinem reichen Repertoire zum Besten gibt. Bis jetzt hat sein abendlicher Ghost Walk ca. 80-90 Minuten gedauert und 10 Euro gekostet (also für das Studierenden-Börserl relativ erschwinglich). Nähere Informationen zu KAI und seinen Programmen könnt ihr auf seiner Homepage (und vielleicht bald schon auf der angekündigten Sagenspaziergang-Website) nachlesen.

Ich hoffe, ich konnte auch dieses Mal eure Neugier wecken,

eure Teresa.

Teresa

Teresa ist die geborene Pendlerin – lernen, essen, schlafen – das Leben im Zug ist für sie kein Problem, weil sie die schönen Ausblicke in die Landschaft in vollen Zügen und zu jeder Jahreszeit genießt. Wenn sie nicht gerade ihre Nase in alte Bücher steckt, kommt ihre innere Straßenkünstlerin zum Vorschein, da in der Ball-Jonglage ihre Leidenschaft liegt.

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